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von Jan-Luc Treumann

Friedensstadt, Geburtsort von Bert Brecht und Sitz der ältesten Sozialsiedlung der Welt, so präsentiert sich Augsburg gerne. Man ist stolz auf die bekanntesten Familien der Stadt – die Fugger und Welser, schmückt sich mit ihnen und sonnt sich in ihrem Glanz. Doch es gibt Kapitel in deren Geschichte, die wenig herausgestellt werden, so beispielsweise die Rolle der Welser im Kolonialismus des 16. Jahrhunderts. Hervorgehoben wird zwar von einigen Autoren die wichtige Vorreiterrolle, die die Welser damals gespielt haben, doch wird z.B. der Sklavenhandel, an dem die Welser beteiligt waren, gerne unter den Tisch gekehrt.

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Beschriftung des Welserhauses in der Augsburger Fußgängerzone (Foto: privat)

Das Jahr 1519: Die Welser verhalfen gemeinsam mit anderen Handelshäusern Karl V. mit Krediten zur Wahl zum Kaiser, wodurch er in der Schuld der Händler stand. Diese Situation erschwerte es den Welsern sicher nicht, einige Jahre später die Statthalterschaft über Venezuela zu bekommen.[23]

Venezuela – die goldene Zukunft des Handelshauses?
Sechs oder sieben Jahre später wurde eine Faktorei in Santa Marta gegründet: Von dort aus wurde Warenhandel zwischen Europa und Amerika betrieben. Wein, Olivenöl, Mehl oder auch Leinen wurden importiert, Zucker und „andere tropische Erzeugnisse“[24] exportiert. Zwar lief die Handelsniederlassung nicht auf den Namen der Welser, diese waren aber mutmaßlich die finanziellen Hintermänner.[25]
Die sogenannten Welserverträge wurden 1528 abgeschlossen; durch diese wurde der Handelsfamilie die Statthalterschaft Venezuelas übertragen. Die Augsburger verpflichteten sich, 50 deutsche Bergleute nach Santo Domingo zu bringen, dort sollten diese als Vorarbeiter beschäftigt sein. Sie stellten den Gouverneur und den höchsten Polizeibeamten[26], eroberten Gebiete in der Umgebung und besiedelten diese. Die Siedler waren für acht Jahre vom Zoll befreit. Die Handelsfamilie bekam die Erlaubnis, Edelsteine abzubauen sowie Edelmetalle zu schmelzen. Hier waren die Welser vor allem auf der Suche nach Gold, denn in den ersten Jahren waren die Abgaben an die spanische Krone dafür gering. Daneben durften die Welser rebellierende Eingeborene versklaven; zudem bekamen sie für die ersten Jahre einen festen Platz im Hafen von Sevilla.[27] Doch aus reiner Freundlichkeit ratifizierte Karl V. die Verträge nicht, die Welser hatten auch Pflichten.

Die Augsburger mussten die Provinz Santa Marta befrieden lassen, diese stand kurz vor einem Bürgerkrieg, ein Gouverneur war bereits ermordet[28] worden. Daher sagten die Faktoren (Leiter der Handelsniederlassung) der spanischen Krone mindestens vier Schiffe mit 200 Bewaffneten zu. Des Weiteren mussten innerhalb von zwei Jahren zwei Siedlungen mit 300 Personen errichtet werden, drei Festungen gebaut und 100 Europäer nahe Venezuela angesiedelt werden, um den „Kolonisationsprozeß in Gang zu bringen“[29]. Doch das war noch nicht alles: Am 12. Februar 1528 wurde der zweite Welservertrag abgeschlossen, mit dem man sich verpflichtete, 4000 afrikanische Sklaven als Arbeitskräfte nach Lateinamerika zu bringen. Sie galten gegenüber den Eingeborenen als belastbarer; mit ihrer Hilfe sollte einem Arbeitskräftemangel vorgebeugt werden. Zwar gab es scheinbar ein Verbot[30] Sklaven in die westindischen Kolonien zu bringen, aber gegen ein entsprechendes Entgelt wurden auch Lizenzen für eine größere Anzahl an Sklaven ausgestellt. Der Historiker Konrad Heabler beschreibt die Sicht im 16. Jahrhundert so, dass die „[…] Schwarzen weder in gleichem Maße, wie die indianischen Eingeborenen, von dem Drang nach Unabhängigkeit beseelt waren, vor allem aber, daß sie in weit hervorragendem Maße leistungsfähig waren, und in dem Klima der Kolonien ganz ausgezeichnet gediehen.“[31]

Schwarze Sklaven – das einzige Gold für die Welser
Die ,Nachfrage’ nach Schwarzen Sklaven wurde immer größer – dies war ein Zustand, den sich die Welser zunutze machten. Mit ihren in Venezuela tätigen Faktoren Ehinger und Sailer wurde am 12. Februar 1528 vertraglich der Transport von 4000 afrikanischen Sklaven festgelegt. An diesem Geschäft verdienten die Welser hervorragend. Der Gewinn sollte 80.000 Dukaten bringen.[32] Diese 4000 Sklaven sollten über das spanische Kolonialreich verteilt werden. Doch auch den Ort ihrer Statthalterschaft, Venezuela, wollten die Welser mit Sklaven versorgen und stellten einen Antrag, noch 800 weitere Sklaven einführen zu dürfen. Diesem wurde stattgegeben und die ,Lizenzgebühr’ auf lediglich einen Dukaten herabgesetzt, weitere Abgaben mussten nicht gezahlt werden.[33] Ein lohnendes Geschäft. Doch das restliche Vorhaben lief nicht wie geplant. Trotz zahlreicher „Entradas“ (Eroberungszüge) stießen die Welser kaum auf Goldvorkommen. Insgesamt sollen 20.000 Kilometer zurückgelegt worden seien, „[…] mehr als sich von jedem anderen Konquista-Unternehmen des 16. Jahrhunderts sagen lässt.“[34] Die Pflichten, die die Handelsfamilie eingegangen war, wurden wohl bewusst nicht mehr erfüllt,[35] alle Anstrengungen wurden auf die Suche nach Edelmetallen gelegt. Und da die 800 weiteren Sklaven in Venezuela nun nicht mehr gebraucht wurden, verschiffte man diese in diverse koloniale Häfen.[36]
Doch auch wenn der eigentliche Plan der Welser nicht funktionierte, am Sklavenhandel haben sie laut Heabler weiterhin gut verdient und bis 1538 große Gewinne eingefahren. Letztendlich war die gesamte Unternehmung nicht von Erfolg gekrönt, 1556 fiel Venezuela an die spanische Krone zurück.[37]

Auch die Fugger sind nicht unbescholten
Auch das andere große Handelshaus, die Fugger, plante die Übernahme einer spanischen Provinz. Der Vertrag trat vermutlich aber nicht in Kraft.[38] Am Sklavenhandel im großen Stil waren die Fugger nicht beteiligt. Allerdings besaß Hans Fugger selbst einen ,Hofmohr’, der auch diverse Male verliehen werden sollte. Im Jahr 1527 organisierte Fugger für den Herzog Wilhelm von Bayern ein Schwarzes Paar. Das ,Halten’ von Schwarzen war in der damaligen Zeit ein Zeichen von Prestige; es zeigte, dass man vermögend war und sich mit ,Exotischem’ schmücken konnte.[39]

Eingang des Fugger und Welser Erlebnismuseums (Foto: privat)

Eingang des Fugger und Welser Erlebnismuseums (Foto: privat)

Fugger und Welser Erlebnismuseum in der Kritik – Chance verpasst?
Zeitsprung ins Jahr 2014: Schon seit längerem steht der Plan für das Fugger und Welser Erlebnismuseum, die Eröffnung ist nicht mehr weit. Doch es gibt Ärger zwischen den Kuratorinnen und der Regio Tourismus, die für das Museum verantwortlich ist. Der Vorwurf steht im Raum, dass Themen wie Kinderarbeit, Völkermord und Sklavenhandel von den Kuratorinnen „unter den Teppich“ gekehrt werden sollten. „Das Museum wäre für die Welser, so heißt es hinter vorgehaltener Hand, eine ,große Reinwaschungsanlage’ gewesen“[40]. Die Kuratorinnen weisen die Vorwürfe von sich, doch die Zusammenarbeit wird beendet.[41]

Geht man heute jedoch durch das Museum, fragt man sich: Wo wurde die Thematik des Sklavenhandels aufgearbeitet? In einigen wenigen Nebensätzen wird dies erwähnt, mehr nicht. Keine kritische Auseinandersetzung, keine Aufarbeitung. Auf Nachfrage wurde erklärt, es sei nicht genügend Platz, um ins Detail zu gehen. Augsburg ist um ein Museum reicher, ein Museum, das sich mit den berühmten Familien der Stadt beschäftigt. Es wäre eine Chance gewesen, auch die Schattenseiten der Vergangenheit zu beleuchten – dies wurde versäumt. Dabei sollte doch für Menschenrechte immer Platz sein.

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